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Stummfilm Vertonung und so…

Von morgens bis mitternachts in St. Petersburg

Das herbstliche Filmprojekt „FILMFORUM TOUR“ bot den Zuschauern die Möglichkeit, eine unbekannte Seite der Geschichte des deutschen Films kennenzulernen. Das Goethe Institut Stankt Petersburg organisierte am 26. Oktober 2012 eine Sondervorstellung des Stummfilms „Von morgens bis Mitternacht“, eines vergessenen Meisterwerks der Epoche des deutschen Expressionismus, welches lange Jahre als verschollen galt und wie durch ein Wunder Anfang der 60er Jahre in Japan auftauchte.

Dj D'dread live

DJ setting sound to „Von morgens bis mitternachts“ (D. 1920)

Der Film wurde im historisch bedeutsamen Filmstudio „Lenfilm von dem bekannten deutschen DJ D‘dread live vertont. Die Vorstellung wird vom  Der Kurator und Regisseur Alexander Markow gab eine wissenschaftlich fundierte Einführung in den Film.

Der im Jahr 1920 von Karl Heinz Martin gedrehte Film „Von Morgens bis mitternachts“ ist einer der ersten Filme der Epoche des deutschen Expressionismus, ein vergessenes Meisterwerk, das von Filmhistorikern erst Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts wiederentdeckt wurde. Das Schicksal dieses Streifens ist einzigartig. Das Stück von Georg Kaiser, das dem Drehbuch zugrunde liegt, lief erfolgreich in deutschen Theatern, aber den nach ihm gedrehten ungewöhnlichen Film ignorierten die Verleiher und auf den Leinwänden Deutschlands wurde er nicht gezeigt.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden sämtliche Kopien des Films verbrannt. Fast 20 Jahren lang galt der Streifen als verloren. 1962 jedoch wurde in einem Kino in Tokio zufällig eine Verleihkopie von „Von morgens bis Mitternachts“ entdeckt. Später stellte sich heraus, dass das einzige Land, in dem sich in den 1920er Jahren der deutsche Film im Verleih befand, ausgerechnet Japan war.

Den Filmexperten erlaubte dieser Fund, eine Vielzahl von Entdeckungen zu machen. Wie sich herausstellte, verlangte alles das, was sie über den deutschen Expressionismus, über den deutschen Film der 20er Jahre, über die Ästhetik des Horrorfilms, wussten, nach ernsthafter Korrektur. „Von morgens bis Mitternachts“ ist nicht nur ein Film von „Licht und Schatten“, nicht der Vorläufer des Horror-Genres, sondern reine Graphik, der die feinen lichttechnischen und optischen Verzeichnungen genommen wurden. er ist eine Verfilmung eines Stücks über Versuchung, ein psychologisches, als exzentrischer Thriller maskiertes Drama, ein Film, der die Grenzen der Leinwandästhetik des Expressionismus erweitert.

Lenfilm Studio 1 just before the screening

Studio 1 @ Lenfilm just before the screening

„Von morgens bis mitternachts“ hätte in jenem Jahr weite Verbreitung finden können, wie auch „Das Cabinet des Dr. Caligari“ von Robert Wiene, ein Film, der bis heute in den Lehrbüchern zur Filmgeschichte als erstes Experiment im Stil des Expressionismus genannt wird. Jedoch wäre die soziale Botschaft des Films von Karl Heinz Martin tiefer und aktueller. Nach dem Ersten Weltkrieg erreichte die Spaltung der deutschen Gesellschaft nie dagewesene Ausmaße und ein Fall von Gelddiebstahl, der der Handlung zugrunde gelegt wurde, hatte durchaus augenscheinliche Gründe. Was die Ästhetik anbetrifft, so ist die programmtische Forderung des expressionistischen Künstlers Hermann Warm „ein Film soll Graphik werden“ im Film „Von morgens bis Mitternachts“ wesentlich stärker umgesetzt, als in jenem von Wiene.

Karl Heinz Martin war ein expressionistischer Theater-Regisseur, der Stücke von Georg Kaiser an den größten Theatern Berlins erfolgreich inszeniert hat. In der Geschichte des deutschen Films der 20er Jahre ist es schwierig, eine solch harmonische Einführung der Theaterästhetik in die filmische Erzählung zu finden. „Von morgens bis Mitternachts“ ist ein Leviathan, ein schauriges und schönes Ungeheuer, das alle Arten von Kunst wegen nur einer filmtheatralischen Phantasmagorie nach Art Gogols und Umfang verschlingt“.

DJ D‘dread aka Dirk Kuntze (Deutschland)
Dirk Kuntze studierte Kulturwissenschaften, Theaterwissenschaften, Medien und Kommunikation an der Universität Leipzig. Den ersten DJ-Set legte er im Jahr 2000 in der Partyreihe Groove Odessey, Circus Maximus in Koblenz auf. Seit 2008 schreibt er Live-Soundtracks zu Stummfilmen und trat in Live Sets in Deutschland, Kroatien, Russland und der Ukraine auf. Zu seinen Arbeiten zählen die Tonunterlegung der Filme „Menschen am Sonntag“ von Curt und Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer und Billy Wilder und „Sumurun“ von Ernst Lubitsch. Ebenfalls im Jahr 2008 veröffentlichte er das Filmessay „Blick durchs Fenster“ mit eigener musikalischer Begleitung, die den Filmen sowjetischer und deutscher Stummfilm-Regisseure gewidmet ist. Der Soundtrack zum Film „Von morgens bis Mitternachts“ ist eine neue Arbeit des bekannten deutschen DJs.

Veranstaltungsplakat: Link

(Quelle: http://germanyinrussia.ru/projects/cities/24/273?lang=de)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Januar 22, 2013 von in Live.
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